User Experience ist nicht UI?!

Der morgendliche Blick in unser internes Firmen-Wiki lässt mich grübeln: Wir sind auf der Suche nach neuen Kollegen, die uns in den verschiedenen Disziplinen unseres Projektalltags unterstützten. Speziell zwei Buchstaben im Kontext zum Frontend-Entwickler lassen mich bei einem Blick auf die Stellenbeschreibung nachdenken …

Wir suchen Frontend-Devs mit UX(-Faible). Das ist der Moment, in dem ich mich frage, ob wir wirklich alle wissen, was die zwei Buchstaben UX bedeuten und was User Experience eigentlich meint. Das es bei der Nutzererfahrung vielleicht nicht nur um ein schickimicki CSS3-, HTML5-, <add your shizzle frontend skill here>Interface für den Anwender geht. Denn das ist eine Grundannahme, die immer noch in vielen Köpfen festsitzt; wie der Glaube an den Weihnachtsmann bei kleinen Kindern.

Was ist User Experience?

In einer Zeit, in der wir Oberflächlichkeit mit positiven Erfahrungen gleichsetzten, ist dieser Irrtum jedem zu verzeihen. Ändern wir das Wording doch etwas und bezeichnen User Experience als Human Centered Design – dann wird klar, was das eigentliche Ziel ist: Es geht nicht darum, das schönste Produkt zu bauen. Sondern eines, bei dem der Mensch, der später dieses Produkt nutzt, in den Mittelpunkt rückt.

Das Interface ist hierbei nur ein notwendiger Interaktionskanal zwischen Mensch und Produkt, auf den dieser im besten Fall sogar ganz verzichten würde. Oder würdet ihr nicht auch einfach gerne eine Amazon-Bestellung aufgeben können, ohne die Seite aufzurufen? Ohne euch einzuloggen und ohne dafür überhaupt ein Device aktiv bedienen zu müssen? Einfach nur mit der „Kraft der Gedanken“ einkaufen, wenn Ihr etwas bestellen möchtet?

Zero Interface?

Diese Zero-Interface-Bewegung ist das gelobte Land der User Experience. Der Heilige Gral, den zu finden immer mehr UX-Nerds ausströmen in die Weiten des digitalen und analogen Produktmanagements. Zero-Interface als Ziel und Frontend-Entwickler als Werkzeug?

Paradox! In Zeiten, in denen Siri, Alexa, Cortana und andere digitale (Sprach-)Assistenten das klassische Interface nach und nach überflüssig machen, in denen wir unseren Fernsehgeräten mit bestimmter Stimme ansagen, was wir als nächstes sehen wollen und was nicht. In Zeiten, in denen wir wild gestikulierend Songs „weiterwischen“ und dabei aussehen, als wären wir als Nichtschwimmer zu weit auf das offene Meer geschwommen. Das sind die Interfaces der Zukunft, und die haben so rein gar nichts mit schicken Frontend-Technologien gemein.

Als Anwender will ich ja nur eines: Wenn ich ein Produkt benutze, möchte ich es schnell und zielgerichtet einsetzten können. Ich habe ein Bedürfnis zu befriedigen, bzw. eine Aufgabe zu erledigen und das will ich im Idealfall ohne nennenswerten Mehraufwand erreichen – schnell, unkompliziert und intuitiv. Das alles ist UX.

Empathie? Echt jetzt?

In der Produktentwicklung bedeutet das Empathie. Etwas, das wir als Techniker gerne versuchen mit tollen, neuen Technologien zu erschlagen. Nun ist Empathie aber ein Skillset, für das es kein GitHub-Repo mit Beispielcode gibt. Empathie ist etwas menschliches, etwas zwischenmenschliches. Sie ist die Kompetenz, die menschliches Zusammenleben erst möglich macht und soziales Verhalten bestimmt.

Es geht darum, sich in die Bedürfnisse und Gefühlswelt des anderen hineinzuversetzen und diese zu erfüllen und nicht darum, ein Produkt zu bauen, was schick ist, aber voraussetzt, dass sich der Nutzer in das Produkt hineinversetzten muss. Das ist der Grundgedanke der Nutzererfahrung, den wir alle verstehen müssen, um bessere und auf den Nutzer angepasste Produkte entwickeln zu können. Es geht um den Anwender und das in jedem Aspekt und jeder Phase der Produktentwicklung. Es geht in erster Linie um Empathie für den Nutzer und nicht darum, dass der Empathie für das Produkt entwickeln muss, um es zu verwenden.

Liebe Frontend-Entwickler, Ihr dürft aufatmen. Ihr bleibt – da wir aktuell im digitalen Umfeld im Bereich Zero-Interface noch in den Kinderschuhen stecken – weiter ein wichtiger Teil des UX-Flows innerhalb eines Produkts. Jedoch ist es erforderlich, dass wir ein Teil der Entwicklung sind, die sich mit Bedürfnissen des Nutzers auseinandersetzt. Doch auch Ihr Backend-Entwickler seit Teil der UX, da auch diese – vermeintlich – verstecken Features einen immensen Impact auf die Nutzererfahrung haben: Was bringt dem Kunden schließlich die schönste, einheitlich abgestimmte Oberfläche, wenn die Ladezeit irgendwo im Bereich eines analogen 14.4k Modems stehengeblieben ist?

User Experience – Quo Vadis?

Freitag, 27. September 2018
In seinem Vortrag auf der ModernRE zeigt Steffen auf, dass User Experience mehr Facetten hat als nur Oberflächendesign und Gebrauchstauglichkeit.Disziplinen und Methoden wie Agile UX, Lean UX und auch Design Thinking werden angeführt, um diese Erfahrung sicherzustellen.

Facebook als Positiv-Beispiel

Naheliegendes und bekanntes Beispiel ist sicherlich Facebook. Jeder von uns kennt diese Seite mit dem relativen simplen, aber doch technisch hoch anspruchsvollen Interface. Hier werden Bilder, Videos und Meldungen von Freunden, Bekannten oder anderen „Persönlichkeiten“ in dynamisch nachgeladenen Bereichen technisch aufwändig aufbereitet und zugänglich gemacht. Und das gilt nicht nur für uns Facebook-Nutzer, die wir das große Glück haben über eine entsprechende Infrastruktur verfügen, die großen Datenmengen in kürzester Zeit empfangen und senden kann.

Für einen Großteil der Anwender ist dieser Luxus unvorstellbar und dennoch können sie Facebook in fast jeder noch so entfernten Region der Welt mit schwacher Internetanbindung nutzen. Warum? Facebook hat frühzeitig erkannt, dass seine Anwender ein Ansinnen daran haben, mit anderen Personen in Kontakt zu bleiben – und dass das nicht hübsch sein muss, sondern im Zweifel nur zu funktionieren hat.

Facebook hat daher weitere, weniger „schicke“ Varianten entwickelt, die Anwendern in strukturschwachen Regionen genau diesen Nutzen bieten. Eine Textbox und ein Text-Stream reichen aus, um diesen Zweck zu erfüllen. Selbst die App funktioniert dort auch ohne Internetverbindung, man kann offline posten, und wenn die Verbindungsgeschwindigkeit es nicht zulässt, werden nur einzelne Meldungen geladen. Das Produkt erfüllt also seinen Zweck, auch ganz ohne schicke Oberfläche. Das ist ein gelungenes Beispiel für User Experience, die den Nutzer und dessen Ansinnen in den Mittelpunkt stellt.

… und dann?

Ich will nicht absprechen, dass man als Frontend-Entwickler UX in seinem Repertoir haben sollte. Ich möchte aber den in der Technikwelt so oft zu findenden Irrtum, UX sei doch dieses UI-Ding, aus der Welt schaffen. Jeder, der an einem Produkt arbeitet, braucht einen „Faible“ für Nutzererfahrung und sollte die nötige Empathie mitbringen zu verstehen, was ein Produkt für den Anwender leisten kann und muss. Das sollte schon mit der Produktvision beginnen und im Rahmen der Umsetzung von allen Beteiligten stetig hinterfragt und angepasst werden. Denn ein Produkt kann noch so gut sein, wenn es für den Nutzer nicht verständlich ist oder sein Problem nicht effizient lösen kann, dann ist es für selbigen nutzlos und somit fast zum Scheitern verurteilt.

Wenn wir also neue Kollegen suchen, sollten wir uns eines bewusst machen: Egal, ob Front-/Backend- oder Fullstack-Developer – ohne Empathie für den Nutzer wird das mit der UX nichts werden. Denn es geht bei UX nicht um schöne Klick-Dummies und einheitliche Buttons auf einer Website. Und erst recht nicht um einen Repertoire an trendy Frontend-Technologien. Es geht um eine Erfahrung und das ist weit mehr als bunte Bilder, Händeklatschen.

Das gleiche müssen wir uns auch als Produktmanager und Product Owner klar machen. Eine Vision ist für den Nutzer des Produkts gemacht und nicht für das Management oder ein Jahresziel. Denn mit einem Produkt ohne Nutzer werden wir uns auch hier keine Freunde machen und langfristig nicht erfolgreich sein können.

Lasst uns eine in unserer digitalen Welt vergessene Disziplin wieder lernen: Empathie! Das ist der Schlüssel zu guten Produkten und deren dauerhaften Erfolg.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in UX und verschlagwortet mit , von Steffen Hartmann. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Steffen Hartmann

Steffen Hartmann betreut als Product Owner (Scrum/CSPO-zertifiziert) gemeinsam mit seinem agilen Team anspruchsvolle Kundenprojekte für die Mayflower GmbH. Seine über zehn Jahre bereits auf Kundenseite gereifte Erfahrung fließt heute in die Entwicklung und Ausgestaltung großer E-Commerce-Environments – dazu steht Steffen nicht nur intern, sondern auch auf Konferenzen und Workshops als Speaker und Trainer zur Verfügung und setzt seine individuellen Schwerpunkte auf die Themen User Experience, Mobile und Teamkommunikation.

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6 Gedanken zu “User Experience ist nicht UI?!

  1. Vielen Dank für diesen persönlichen Artikel und den abschließenden Appell!

    In der Forschung fand Empathie in der Produktentwicklung bisher ebenfalls wenig Raum.
    Im Rahmen meiner psychologischen Masterarbeit an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und meiner Arbeit im User Experience Bereich der XING SE, entwickle ich ein Messinstrument, um Empathie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber Nutzerinnen und Nutzern messbar zu machen.

    Wenn Sie im Bereich der Produktentwicklung oder im UX Bereich beschäftigt seid, würde ich mich sehr über Ihre Teilnahme an der 10-minütigen Umfrage freuen!
    https://indivsurvey.de/umfrage/161902/vzgxL7
    Leiten Sie den Link gerne weiter und teilen Sie ihn!

    Je mehr Teilnehmer die Umfrage abschließen, desto besser kann der endgültige Fragebogen werden.

    Sicher kommen Ihnen viele Fragen redundant vor – dieser Teil der Erhebung dient der Itemanalyse: um das beste Item zu ermitteln, müssen verschiedene Formulierungen getestet werden. Die statistische Analyse der Ergebnisse zeigt dann die passendsten Versionen. Bitte lassen Sie sich nicht verunsichern und füllen den Fragebogen bis zum Schluss aus!

    *** Was Sie davon haben? ***
    Durch die Anwendung des Instruments sollen Unternehmen befähigt werden, das Thema wissenschaftlich fundiert in Angriff zu nehmen, den Status Quo zu analysieren und mögliche Entwicklungsfelder zu erkennen.
    Den aus der Analyse resultierenden Fragebogen teile ich sehr gerne mit Ihnen, wenn Sie eine kurze Mail an caroline.scholtes@xing.com schreiben.

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