Agil als Missverständnis

Wenn man über Agile Missverständnisse spricht, darf man das wichtigste Missverständnis nicht aussen vor lassen: Agil! Allein schon die Tatsache, dass es Agile Missverständnisse gibt, zeigt, das Agil nicht die Antwort auf alle Fragen und Probleme in der aktuellen Projektwelt sein kann.

Jeder will Agil!

Jeder will Agil! Warum? Stellt man diese Frage zum Beispiel an das Publikum auf Veranstaltungen, reicht die Bandbreite der Antworten von einem einfachen Schulterzucken über die klassischen Aussagen wie „wir müssen schneller werden“, „der Marktdruck wächst“ oder „weil man Projekte heute so macht“ bis hin zu „Agilität als Motor für Innovation und Disruption“.

Kein anderes Wort im aktuellen Business-Sprech ist mehr vergiftet als Agil. Ein „Klapperbegriff“, der als Antwort auf alle Fragen und Probleme in den Besprechungsräumen und Vorstandsmeetings dieser Welt inflationär verwendet wird; solange, bis auch dieser Begriff verbrannt ist. Don’t believe the hype!

Probleme verändern als Lösung?

Doch in der Realität ist Agil zum Bett des Prokrustes im Projektmanagement geworden. Prokrustes, ein Riese der griechischen Mythologie und ein Sohn des Poseidon, bot Reisenden stets ein Bett an. Wenn sie zu groß für das Bett waren, hackte er Füße oder andere überschüssige Gliedmaßen ab. Waren sie zu klein, wurden sie mit Gewalt auf die Größe des Bettes gestreckt.

Dieses Bild beschreibt gut, was Agile Coaches und Berater heute viel zu oft in der Praxis machen: Probleme werden so lange verstümmelt oder gestreckt, bis sie in ein agiles Bett passen.

Hier beginnt der Irrsinn, ein verändertes Problem zu lösen hilft meistens nicht bei der Lösung des ursprünglichen Problems, sondern es werden im Gegenteil surreale Probleme gelöst und durch die vermeintliche Agilität werden diese sogar schneller gelöst als man es erwartet hatte.

Missverständnis Agil

Läuft also bei uns! Nicht! Es werden oft leider keine realen Probleme gelöst, da diese ja schon verändert und angepasst wurden, sondern nur deren verstümmelten Reste. Der Nutzen oder Wert für die Organisation ist daher meist fraglich oder im schlimmsten Fall gar nicht vorhanden. Die Lösung eines realen Problems wird somit mehr zum Zufall als zur Absicht.

„There is a myth that drives many change initiatives into the ground: that the organization needs to change because it is broken. The reality is that any social system (including an organization or a country or a family) is the way it is because the people in that system (at least those individuals and factions with the most leverage) want it that way – it is not broken at all“

Ronald Heifetz, Alexander Grashow (The Practice of Adaptive Leadership)

Und nun? Doch alles nur Snake Oil?

Leider ja. Zumindest solange, wie Agil inflationär als Antwort auf alle Probleme geworfen wird. Das Ergebnis ist Pseudo-Aktivismus, der sich im Zweifel wie echter Progress anfühlt, aber in Wahrheit nur ein neuer Akt im Business-Theater ist.

Agil als Frage

Agil darf nicht die Antwort sein, Agil muss die Frage sein! Die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen, was unsere wirklichen Probleme sind und wie wir uns als Organisation so aufstellen und organisieren wollen, um in Zukunft diese echten Probleme zu lösen.

Lösung bedeutet Aktion und nicht Diskussion, bis das Problem müde und verformt ist und sich in unser Prokrustesbett schlafen legt, sondern dieses Lösen hat etwas mit Schweiß und schmutzigen Händen zu tun.

Angst vor Kontrollverlust

Lösungen verursachen Schmerzen, das gehört dazu. Und nur weil es weh tut ist es nicht gescheitert, es ist nur ausserhalb unserer Komfortzone … Denn meistens verursachen die Probleme noch größere Schmerzen, nur haben wir uns damit schon abgefunden und sind deswegen schmerzresistent geworden.

People don’t resist change, they resist loss … das kann Macht, Kontrolle oder auch nur die eigene Komfortzone sein. Verlust gehört zur Veränderung dazu, das müssen wir akzeptieren. Zugleich müssen wir verstehen, warum sich Menschen gegen Veränderung und den für sie damit einhergehenden Verlust stellen.

Das ist die Stelle an der angesetzt werden kann: Verluste erkennen und ansprechen, um Veränderung zu ermöglichen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Agile und verschlagwortet mit , von Steffen Hartmann. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Steffen Hartmann

Steffen Hartmann betreut als Product Owner (Scrum/CSPO-zertifiziert) gemeinsam mit seinem agilen Team anspruchsvolle Kundenprojekte für die Mayflower GmbH. Seine über zehn Jahre bereits auf Kundenseite gereifte Erfahrung fließt heute in die Entwicklung und Ausgestaltung großer E-Commerce-Environments – dazu steht Steffen nicht nur intern, sondern auch auf Konferenzen und Workshops als Speaker und Trainer zur Verfügung und setzt seine individuellen Schwerpunkte auf die Themen User Experience, Mobile und Teamkommunikation.

Für neue Blogupdates anmelden:


Ein Gedanke zu “Agil als Missverständnis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.