Vergiss das Delta

Meine Mutter hat schon immer Wert darauf gelegt, ein frisch gekochtes und ansprechendes Essen für ihre Familie auf den Tisch zu bringen. Dafür setzt sie einiges an Energie ein – und es gelingt ihr meist ziemlich gut. Was bekommt sie wohl dafür zurück?

Du ahnst es vielleicht: Wenn es, wie fast immer, gut schmeckt, dann ist das Essen schnell verspeist – ohne weiteren Kommentar. Darüber gesprochen wird nur, wenn etwas nicht den Vorstellungen der anwesenden Esser entspricht.

Nix gesagt ist genug gelobt

„Nix gesagt ist genug gelobt“ ist das dahinterstehende Motto. Wenn etwas gut ist oder gut läuft, ist das selbstverständlich. Allein die Abwesenheit von Kritik zeigt die Zufriedenheit an. Das Gute ist also nicht der Rede wert.

Das ist eine gleichermaßen verbreitete wie gefährliche Konditionierung: Der Fokus richtet sich auf das, was vermeintlich falsch, schlecht oder ungenügend ist. So sind viele von uns aufgewachsen. Für mich typisch deutsch.

Ein Beispiel

Betrachte einmal diese Gleichungen. Was fällt dir auf?

9 + 3 = 12
13 + 8 = 21
4 + 3 = 7
8 + 5 = 12
13 + 12 = 25
8 + 9 = 17

Bestimmt hast Du bemerkt, dass bei einer Gleichung das Ergebnis mathematisch nicht korrekt ist. Aber nimmst Du auch bewusst wahr, dass es bei 5 Gleichungen stimmt? Wahrscheinlich nicht.

Mit dieser selektiven Wahrnehmung schauen wir nur auf das, was vermeintlich nicht richtig ist. So läuft es dann auch in der Arbeit. Wenn ein Fehler passiert, etwas nicht funktioniert oder irgendwie anders ist als die eigene Erwartung, dann wird das angesprochen. Und schon wird nur auf das geschaut, was fehlt. Der vermeintliche Mangel steht im Vordergrund. Dadurch wird das Negative unnötig größer als das Positive.

Plus/Delta

Wie handhabst Du das z. B. in der Retro? Wird das Plus schnell abgehakt (wenn es überhaupt gefunden wird) und das Delta lange diskutiert? Willkommen in der Falle.

Das Prinzip „Inspect & Adapt“ verleitet dazu, nur das zu betrachten, was man besser machen kann. Und das stiefmütterlich zu behandeln, was schon gut (genug) ist. Dabei ist das genauso wichtig.

Die amerikanische Psychologie-Professorin Barbara Fredrickson hat in ihrer Forschung herausgefunden, dass es – um im Leben zu gedeihen – mindestens drei positive Gefühle braucht, um ein negatives auszugleichen. Erst ab einer Positivity Ratio von 3:1 blühen wir auf.

Auch im beruflichen Kontext ist das eine wichtige Herangehensweise. Wenn wir uns bewusst machen, was gut ist, was stimmt, was läuft, haben wir einen guten Ausgleich zu den Dingen, die unzufriedenstellend und verbesserungswürdig sind. Gerade in schwierigen Zeiten ist es sinnvoll und notwendig, diesen Ausgleich ganz bewusst zu leben.

Dem Positiven Raum geben

Also, gib dem Positiven genug Raum. Schau es Dir ganz bewusst an; nicht nur das Delta. Damit legst du einen wichtigen Grundstein für erfolgreiche und befriedigende Zusammenarbeit. Hier ein paar Möglichkeiten, was Du konkret tun kannst:

  1. Fang bei Dir selbst an.
    Wie eigentlich immer, wenn Du eine Veränderung erreichen willst. Versuche ganz bewusst darauf zu schauen, was positiv ist. Dein konditioniertes Bewusstsein wird sich anfänglich schwer tun, den Fokus zu verschieben – Gewohnheiten sind zäh. Beginne zum Beispiel damit, am Ende deines Arbeitstags kurz zu reflektieren, was an dem Tag gut lief. Du kannst z.B. eine Art Tagebuch führen, in das du jeweils (mindestens) drei Dinge schreibst, die für dich gut waren. An manchen Tagen wird das einfach gehen, an anderen wird es Dir vielleicht schwerer fallen. Das wird dann Deinen Blick auf die kleinen Dinge schärfen. Es gibt immer etwas, das funktioniert hat.
  2. Beziehe Dein Team mit ein.
    Baue in die Retro ganz bewusst Wertschätzung mit ein. Ein „Danke an … für …“ am Anfang oder am Ende reicht dafür schon. Das richtet den Fokus.
    Mache eine Retro nur mit positiven Dingen. Was lief problemlos im letzten Sprint? Worin sind wir gut? Was wollen wir auf jeden Fall beibehalten?
    Das kann am Anfang schwierig sein, weil viele Menschen nicht gewohnt sind, positive Dinge zu identifizieren und zu benennen oder auch Wertschätzung auszusprechen. Wie gesagt: Das ist ja scheinbar alles selbstverständlich.

Und denk daran: Es geht nicht darum, das Negative zu verleugnen und schön zu reden. Das sogenannte Positive Denken ist gefährlich, wenn es die Probleme und negativen Gefühle negiert. Es geht stattdessen darum, auch das Positive zu sehen und neben das Negative zu stellen, um einen Ausgleich zu haben. Und damit mehr Freude am Tun zu ermöglichen.

Inspiration gefällig?

An dieser Stelle möchte ich Dir an dieser Stelle drei Videos ans Herz legen, die Dir neue Impulse mit auf den Weg geben sollen.

Barbara Fredrickson über die Positivity Ratio

Der Dirigent Benjamin Zander über seinen Weg des Lehrens

Ein schönes Beispiel für die Kraft der Wertschätzung

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Über Rainer Korn

Rainer Korn ist beruflich seit Jahrzehnten im Dienste von Menschen unterwegs und arbeitet bei Mayflower als Agile Coach und Scrum Master. Er trägt gerne zur leichteren Verständigung bei und ist als ausgebildeter Mediator da zuhause, wo Widerstand und Konflikte auftauchen. Er ist dann zufrieden, wenn Menschen sich und andere besser verstehen.

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