Fight your Project – Transfer von Kampfsport und agilem Projektmanagement (Theorie)

Projektmanagement und Kampfsport — zwei doch recht unterschiedliche Begriffe, die sich auf den ersten Blick nicht verheiraten lassen. Ersteres bezeichnet einen Pool von Anwendungsmethoden, der in Zusammenwirkung die Initiierung, Planung, Steuerung und den Abschluss von einem oder mehreren Projekten innehat. Im Kampfsport hingegen steht ein Leistungsvergleich innerhalb des Kampfringes im Vordergrund und die Vorgabe, sich außerhalb des Rings in Zurückhaltung und Selbstbeherrschung zu üben. Was beide Termini jedoch eint ist, dass man sich — um Erfolg zu haben — eine hohe sensitive Wahrnehmung im Bereich der zwischenmenschlichen Aktionsebene und des eigenen Bewusstseins erarbeiten muss.

Agile Softwareentwicklung und Scrum kurz erläutert

Agile Softwareentwicklung ist ein seit ungefähr zwei Jahrzehnten existierender Weg, IT-Entwicklungsteams und -Projekte mit mehr Effizienz und bei höherem Business Value zu managen. Eine Gruppe intelligenter Leute hat sich damals zusammengeschlossen und beim Finden besserer Wege für die Softwareentwicklung folgende Werte zu schätzen gelernt:

  • Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Software über umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden über Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung über das Befolgen eines Plans(s. http://agilemanifesto.org/iso/de/)

Dabei sei gesagt, dass die rechte Seite dieser Vergleiche zwar bedeutend ist, die linke Seite jedoch als wichtiger erachtet wird. Mehr zu den agilen Prinzipien könnt Ihr hier nachlesen: http://agilemanifesto.org/iso/de/principles.html

Scrum ist eines der Vorgehensmodelle des Projektmanagements zur agilen Softwareentwicklung, mit speziell definierten Rollen innerhalb eines Projektes. Da Scrum zwar innerhalb der Softwaretechnik entwickelt wurde, davon aber unabhängig ist, wird Scrum auch in anderen Domänen, beispielsweise im Marketing, eingesetzt.

Transfer der Philosophie des Kampfsports und agiler Softwareentwicklung

Kampfsport

Der Terminus Kampfsport wird in diesem Text analog zu Kickboxen oder auch Kung Fu verwendet. Kickboxen, da das der Sport ist, in dem ich mehrere Jahre Erfahrung sammeln durfte und Kung Fu, da dies als jahrtausendealte Tradition die (kampf-)künstlerische Basis bildet, woraus Kickboxen als moderne Wettkampfsportart letztlich entstand.

Um etwas aus der Philosophie dieses Sports in die agile Welt zu adaptieren, muss der Leser Ersteres vorher verstehen. Im Kickboxen spricht man von einem Sensei (japan., wörtl.: früher geboren), der seinen Schülern den Weg der Kampfkunst vorlebt und lehrt. Shu-Ha-Ri bezeichnet den Lernprozess eines Schülers der Kampfkünste, den er gehen muss, um die Fähigkeiten zu erlangen, seinen eigenen Weg (japan.: do) zu gehen und selbst einmal ein Sensei zu werden.

Wenn man nun die Entwicklung des Kampfsports mit der von Agile vergleicht, ist festzustellen, dass die erste jahrtausendealte Traditionen in sich trägt und sich in dieser Zeit steter Veränderung unterworfen sah, wohingegen die andere erst seit ein paar Jahren existiert. Daher kann die agile Projektentwicklung noch viel von der Philosophie der Kampfkunst lernen.

Techniken

Im Kampfsport gibt es ein großes Repertoire an Hand- und Fußtechniken, die in den unterschiedlichsten Situationen angewendet werden können. Agilwird im Sprachgebrauch häufig fälschlicherweise synonym mit Scrum als der Primärmethode zur Installierung von agilen Techniken verwendet. Natürlich gibt es weitaus mehr agile Prozesse als Scrum, z.B. Kanban, Test-driven-Development, Behaviour-driven-Development, uvm., jedoch wird Scrum häufig mit Agile gleichgestellt. Das ist genauso falsch wie die Aussage, Kickboxen sei der einzige Kampfsport, während viele weitere existieren.

Raffinesse und Fähigkeiten

Obwohl es bei Kampfsportlern nach roher Gewalt aussehen mag, stecken sowohl hinter den einzelnen Angriffen als auch hinter den Abwehrhaltungen Raffinesse und Können. Anders hingegen sieht es mitunter in Unternehmen aus: Sie halten ein paar agile Praktiken wie „Daily Standups“ ab oder hängen ein Kanban-Board an die Wand und nennen das dann „agil“. Das allerdings wäre tatsächlich ein Versuch, mit roher Gewalt Agilität in das Unternehmen zu zwingen. Daraus kann man schließen, dass die agilen Prinzipien (s.o.) und Methoden hier nur halb implementiert wurden. Das Team hat also noch nicht die Fähigkeit „agile Softwareentwicklung“ richtig zu meistern. Das bedeutet beispielsweise:

  • Leute sind nicht fest agilen Teams zugeordnet sondern arbeiten parallel an anderen Aufgaben.
  • Die Firma besteht auf Überstunden, Wochenendarbeit und macht Druck, um unrealistische Deadlines zu erreichen.
  • Es gibt keinen Product Owner und die Fachleute sind nicht gut in das Projekt integriert.

Verschiedene Stufen der Fähigkeiten

Um ein Sensei zu werden sind unterschiedliche Stufen des Könnens von Nöten. Es ist eine sich fortwährend verändernde Reise vom Anfänger zum Profi — im Kampfsport wie im agilen Projektmanagement. Die diversen agilen Methoden zu kennen ist eine Sache, allerdings gibt es im agilen Umfeld noch Lücken beim Vermischen dieser Praktiken mit den traditionellen Prinzipien des Projektmanagements. Die Methoden auf beiden Seiten werden eher als miteinander wetteifernd gesehen denn komplementär. Eine Art Masteraufgabe ist es auch, Scrum in ein Businessumfeld einzuführen, das überhaupt nicht für Agile ausgerichtet ist.

Shu — lernen, einhalten, befolgen

In dieser Phase des Studiums befindet sich der Schüler, wenn er daran arbeitet die Techniken des Lehrers ohne Modifikationen zu erlernen. Das hinter den Kampftechniken logische Grundprinzip ist für den Schüler in dieser Phase unwichtig, da erst ein sicheres Fundament angeeignet werden muss, um die nächste Stufe zu erreichen. Shu liefert also die Grundlage für ein tieferes Verständnis der Kampfkunst. Nur ein geduldiger, bescheidener und ehrlicher Schüler wird auf diese Weise irgendwann kein Anfänger mehr sein. Leider verlassen viele Schüler diese Stufe zu schnell und schätzen sich fälschlicherweise höher ein. Abgebildet auf das agile Projektmanagement bedeutet das, dass ein Scrum Coach zuallererst die agilen Praktiken und Methoden kennen und erlernen muss (Scrum, Kanban, Behaviour-driven-Development, usw.), bevor er die nächsthöhere Stufe erreichen kann.

Ha — zerreissen, durchbrechen

Ha ist die Phase des Durchbrechens der eigenen Ketten und Traditionen bis zu einem gewissen Grad, um den Weg für sich zu finden. Die bisher erlernten Methoden dürfen in dieser Stufe modifiziert werden. Der Schüler muss nun die Bedeutung und den Zweck aller Künste, die er bisher erlernt hat, reflektieren und verstehen, um auf diese Weise zu einem tieferen Verständnis des Gelernten zu kommen, als es das reine Wiederholen der praktischen Fähigkeiten erlaubt. In dieser Phase versteht der Scrum Coach nun die agilen Methoden und sammelt erste praktische Erfahrungen in den einzelnen Prozessen.

Ri – loslösen, trennen

In der Stufe des Ri ist der Schüler kein reiner Schüler mehr sondern eine Art Praktiker. Er hinterfragt die Kampfkunst auf Grundlage seiner bisherigen Entwicklung, also seines Hintergrundwissens, den Rückschlüssen, die er aus dem Leben für sich gezogen hat und den alltäglichen Forderungen. Der „Schüler“ hat nun die Kampfkünste jahrelang studiert und kann jetzt die Lehren dazu nutzen, sich von dem Bisherigen zu entfernen und seinen eigenen Do (dt.: Weg) gehen. In der letzten Stufe hat der Scrum Coach alles verstanden, die einzelnen Methoden hinterfragt und empirisch für sich selbst und für das Unternehmen die beste Methode herausgefunden, wie agile Projektentwicklung in einem eher schwierigen Umfeld eingesetzt werden kann.

Shu-Ha-Ri beschreibt zusammenfassend nicht nur den Weg des Studiums der Kampfkunst, sondern auch den Weg des Lebens an sich: von der Unerfahrenheit zur Erfahrung, von der Jugend zum Alter und vom steten Lernen zur Reife. Nach außen ist die Veränderung sichtbar und messbar, nach innen jedoch nicht. Der wahre Prozess der Reife ist somit durch stete Veränderung und stetes Lernen geprägt. Dasselbe gilt natürlich für agiles Projektmanagement.

Im kommenden zweiten Teil dieses Artikels werde ich vor allem auf die Praxis eingehen und erläutern, welche Themen aus der Verhaltenspsychologie im Projektmanagement behilflich sind, und wie ein Einzelner seinen eigenen Weg zum Meister finden kann.

Links

http://managedagile.com/2013/07/17/agile-and-lesssons-learned-from-martial-arts/

https://amsconsulting.com/2016/05/18/martial-arts-successful-project-manager-written-tom-flynn-p-e-pmp/

http://www.shu-ha-ri.de/index.php?action=geschichte&gesch=5

http://martinfowler.com/bliki/ShuHaRi.html

Video

https://www.youtube.com/watch?v=hF_VC-wvSgQ

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