Mehr Professionalität wagen

Robert Lippert hat in seinem Artikel „Wer hat Angst vor Usability?“ ein Plädoyer für eine bessere, nutzerorientierte Usability gehalten. Er ging von der These aus, dass oft nicht die Bedürfnisse des Nutzers im Mittelpunkt stehen, sondern die des Auftraggebers oder des Systemintegrators.

Zu Beginn seines Artikels wies Robert kurz darauf hin, dass Frontendentwicklung oft nicht als eigene, anspruchsvolle Dispziplin anerkannt wird – insbesondere von Backendentwicklern. Aus Sicht eines Frontendentwicklers möchte ich diesen Aspekt ein wenig genauer beleuchten.

– Ein Gastbeitrag von Jens Grochtdreis.

Am Ende ist doch alles HTML

Vor Backendentwicklern spreche ich gerne davon, dass am Ende doch alles HTML ist. Damit will ich sagen, sie sollen ihre eigene Profession nicht höher schätzen als meine. Egal wie toll die Programmierungen im Backend sind, am Ende werden HTML, CSS und JavaScript ausgeliefert, nicht PHP, Java oder Ruby.

Rein formal sind HTML und CSS einfache Sprachen. Deshalb nehmen „echte Programmierer“ gerne den Part der Frontendentwicklung nicht so ernst wie ihren eigenen. Sie übersehen dabei, dass wir es im Frontend mit einer unkontrollierbaren und weitestgehend unbekannten Umgebung zu tun haben. Dem Backendentwickler ist klar, für welchen Server, für welche Version einer Programmiersprache er entwickelt. An diesen Rahmenbedingungen ändert sich nichts. Und sollte sich etwas ändern, ist es ihm bekannt und er hat Zeit und Chance, darauf zu reagieren.

Backendentwickler arbeiten also mit einer klar definierbaren Umgebung und bekommen ein klar absehbares Ergebnis. Ähnlich ist dies bei Konzeptern und Designern. Diese arbeiten mit Word und Photoshop und haben so immer klar umrissene Endprodukte. Der Konzepter gibt seine Texte als DINA4 aus, der Designer muss in seinem Bildbearbeitungsprogramm eine Datei mit einer festen Dimension erzeugen. Er denkt immer in diesen Dimensionen.

Frontendentwickler haben diesen Luxus nicht. Obwohl wir uns über Jahre eingeredet haben, auch wir hätten klare Zielumgebungen (die Browserauflösungen), so hatten wir es doch immer mit unterschiedlichen Browsern zu tun, die HTML und CSS teilweise sehr unterschiedlich interpretierten. Es gibt keinen Browser, der alle Aspekte von HTML und CSS komplett beherrscht. Für alle anderen Projektbeteiligten ist eine solche Unsicherheit undenkbar. Es wäre so, als könnte der Konzepter an einem Dienstag keine „z“ oder „k“ schreiben, weil Word das an diesem Tag nicht unterstützt.

Wir wissen nichts

Als Frontendentwickler müssen wir aber nicht nur mit der mangelnden Fähigkeit mancher Browser umgehen. Wir wissen auch überhaupt nicht, wie unsere Endprodukte betrachtet werden. Wir wissen nichts von Browserauflösungen, ob es sich um Notebooks oder stationäre Rechner handelt, ob es sich gar um ein Tablet oder Smartphone handelt. Wir wissen nichts, wir können nur Annahmen treffen.

Die wichtigste Erkenntnis ist meines Erachtens, dass das Endprodukt eines Frontendentwicklers kein fertiges, solides Endprodukt im Sinne eins Dokumentes, eines Bildes oder einer serverseitigen Programmierung ist. Das Endprodukt eines Frontendentwicklers wird noch einmal vom Browser des Nutzers interpretiert und reift dadurch erst zum tatsächlichen, endgültigen Endprodukt an. Und dieses Endprodukt, die Webseite, kann vom Nutzer dann jederzeit nach Belieben modifiziert werden. Das ist auch gut so, denn die Anpassungsfähigkeit von Webseiten ist deren Stärke gegenüber allen anderen Medien. So kann der Nutzer die Seite heranzommen, weil ihm die Schrift zu klein ist oder wegen einer starken Fehlsicht einen Kontrastmodus nutzen. Er kann aber auch einfach einen Adblocker nutzen und damit die Wirkung und Finanzierung einer Webseite beeinflussen.

Frontendentwicklung ist also nur auf den ersten, oberflächlichen, uninformierten Blick einfach. Sie ist kompliziert, weil nur mit Annahmen gearbeitet werden kann. Diese Annahmen betreffen sowohl die aktuellen Nutzer, als auch die zukünftigen. Schließlich soll eine Seite auch noch in ein paar Monaten nutzbar sein, wenn Chrome und Firefox ein paar Versionen weiter sind und die allerneuste Smartphone-Generation mit neuen Monitoren und sonstigem Schnickschnack auf dem Markt ist.

Wertschätzung und Kommunikation

Meiner Erfahrung nach geraten Projekte immer dann in Schieflage, wenn die jeweiligen Professionen sich nicht genügend wertschätzen und nicht ausreichend kommunizieren.

Wertschätzung sollte darin münden, dass Frontendentwicklung nicht auf Backendentwickler abgewälzt wird, die dafür weder Motivation noch Wissen und Erfahrung haben.

Ausreichende Kommunikation erlebe ich selten. Vor allem selten in der Form, dass sich bspw. Designer, Frontend- und Backendentwickler frühzeitig zusammensetzen und über Details eines Projektes sprechen, diese eventuell auch austesten. Das typische Wasserfallprojekt, bei dem jede Profession erst einmal vor sich hin arbeitet und die anderen dann mit ihrer Arbeit überrascht, war noch nie gut und ist angesichts des stark zerfaserten Marktes von Endgeräten mittlerweile kein sinnvolles Vorgehen mehr.

Erfolgversprechender ist beispielsweise die Arbeit mit Prototypen, an denen Designer, Front- und Backendentwickler die Praktikabilität von Ideen austesten können. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Sichtweisen kann dabei dem Endprodukt nur nützlich sein. Als zusätzlicher Effekt werden sich die Verständnisbarrieren zwischen den Professionen ein wenig lichten.

Dann werden hoffentlich alle begreifen, dass Frontendentwicklung nicht einfach ist, sondern nur so aussieht.

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5 Gedanken zu “Mehr Professionalität wagen

  1. Ein sehr guter Beitrag! Da steckt viel Wahrheit in den Aussagen. Die Wertigkeit einer Webapplikation wird von den Usern nur über das Erscheinungsbild definiert und für die macht man das schließlich. *thumbs up*

    • Naja, ganz so eng würde ich es auch nicht sehen wollen;-) Wertig ist erst einmal das, was für den Anwender in dessen Sinne funktioniert und da ist das Erscheinungsbild sicher nicht der einzige Faktor.

      Wichtig ist, dass man sich ganz genau anschaut, wer da was benutzt – und das dann aber auch technisch angemessen umsetzt. Prototypen sind hier tatsächlich sehr spannend, weil sie die Beteiligten auf eine ausgesprochen konstruktive und zielführende Art und Weise zusammenbringen (wir spielen das hier auch gerade erst wieder durch).

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