Psychologische Sicherheit in unsicheren Zeiten

COVID-19. Klingt nach einem Jira-Ticket. Fakt ist aber, dass es die Arbeitswelt aktuell komplett umkrempelt und eine große Belastung für die einzelnen Menschen, die Gesellschaft und die Wirtschaft darstellt.

Darum soll es hier aber nicht gehen. Dafür haben wir einen Staatsapparat, der geeignete Maßnahmen einleitet. Für mich als Agile Coach stellt sich die Frage, wie sich diese Situation auf Führungskräfte und Agile Coaches/Scrum Master auswirkt.

Was aktuell passiert ist neurobiologisch relativ einfach zu erklären: Unser limbisches System ist hochaktiv, die Amygdala feuert und unser präfrontaler Kortex, der für Entscheidungen und rationale Handlungen zuständig ist, steht unter Dauerstress. Sorgen um die eigene Gesundheit, die Familie, den Arbeitsplatz, die Gesellschaft: Was passiert noch, wie geht es weiter? Im Kern lässt es sich beschreiben mit einem dauerhaften (un-)bewussten Angstzustand, denn die Gefahr ist weder sicht- noch greifbar. Was also tun?

Führungskräfte haben eine Verantwortung

Unternehmen haben gegenüber ihren Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht, die in der Regel durch die Führungskräfte gelebt wird. Ich hoffe, deine Firma hat die nötigen Schritte eingeleitet und wartet nicht, bis die Einschläge noch näher kommen. Neben den offensichtlichen Aufgaben ist es aber auch wichtig, die Ängste und Befürchtungen der Mitarbeiter ernst zu nehmen und für psychologische Sicherheit zu sorgen. 

Was versteht man eigentlich unter dieser psychologischen Sicherheit?
Vor 2 Monaten hätte ich gesagt: Es geht darum, dass Mitarbeiter wissen, dass sie Fehler machen dürfen, dass sie offen ihre Meinung sagen dürfen, dass Konflikte ausgetragen werden können, ohne dass dies Nachteile mit sich bringt. Dass die Beziehungen zu den Kollegen belastbar und von gegenseitigem Vertrauen und Respekt gekennzeichnet sind. 

Daran hat sich auch nichts geändert. Es ist weiter Aufgabe einer Führungskraft und Organisation, das zu etablieren.

Psychologische Sicherheit heute

In der aktuellen Situation kommt aber eine existentielle Komponente hinzu: Die Angst, krank oder arbeitslos zu werden, vielleicht ein Familienmitglied zu verlieren oder sogar das eigene Leben. 

Das mag dramatisch klingen, ist aber, wie unser Gehirn funktioniert. Wir sind nicht besonders gut darin, „bewusst“ Risiken einzuschätzen. Unsere Amygdala „sieht“ eine Gefahr und warnt uns, unabhängig davon, ob diese Gefahr real für uns zutrifft oder wir das nur denken. Durch die mediale Begleitung steigt die Unsicherheit Tag für Tag. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Man sieht einen Film mit Leuten, die sich die Hand geben, und irgendwie fühlt es sich komisch an.

In meinen Augen haben Führungskräfte eine Verantwortung, dieser Unsicherheit entgegenzusteuern. Das kann auf mehreren Ebenen geschehen. Ich habe kein Patentrezept dafür, möchte aber Impulse mitgeben.

10 Impulse für Führungskräfte

  1. Versuche in dieser ganzen Unsicherheit „Normalität“ zu verbreiten. Bleib bei deinen gewohnten Arbeitsritualen, Aufgaben und Kundenbeziehungen, die noch mit den neuen Regelungen zu vereinbaren sind.
  2. Strahle als Führungskraft Zuversicht, Ruhe und Gelassenheit aus. Wenn du als Leader selbst in Unsicherheit und hektischen Aktivismus verfällst, strahlt das auf das ganze Unternehmen und damit auf die Mitarbeiter ab.
  3. Kommuniziere täglich mit deinen Mitarbeitern. Frage nach, wie es den Menschen geht. Dabei darf es nicht nur um das Business gehen; frage, wie es Ihnen menschlich geht, was die Kollegen brauchen, wie die familiäre Situation ist, welche Sorgen sie umtreiben.
  4. Bedanke dich bei den Mitarbeitern dafür, dass sie in dieser schweren Zeit weiter Ihren Beitrag leisten. Das ist nicht selbstverständlich und verdient Lob und Respekt.
  5. Sei ansprechbar und präsent und verstecke dich nicht in Meetings oder hinter dem Rechner im Homeoffice. Wir haben eine Krise und da musst du als Führungskraft mit Beispiel vorangehen.
  6. Tausche dich mit anderen Unternehmen aus, betreibe Selbstfürsorge. Wir sind alle nicht unendlich belastbar. Wer voran geht, braucht noch mehr Fürsorge und Unterstützung als jemand, der im Schutzwall läuft, auch wenn das Selbstverständnis von Führungskräften oft ein anderes ist.
  7. Ermögliche den Mitarbeitern weiter einen Austausch: Schaffe virtuelle Räume, in denen die normale Kaffeepause abgehalten werden kann. Mache eine virtuelle Abendveranstaltung, bei der man gemeinsam etwas isst und trinkt und sich austauscht.
  8. Sei realistisch: Deine Firma wird wahrscheinlich Umsatz- und Performanceeinbußen hinnehmen. Baust du deswegen Druck auf, schadest du dauerhaft deiner Organisation. Die Mitarbeiter spüren die Angst ihrer Führungskraft sofort und übernehmen diese Unsicherheit. Ein Teufelskreis, der noch stärker die Performance reduziert.
  9. Investiere in deine Mitarbeiter: Ein Mitarbeiter braucht Hardware im Home Office? Kaufen und bitte nicht lange Prozessketten einhalten.
  10. Bleibe menschlich und denke daran, dass deine Mitarbeiter auch Menschen sind.

Servant Leadership

Doch nicht nur die „Leader“, auch die „Servant Leader“ sind in dieser Zeit besonders gefragt.

Remote-Arbeit wird die nächste Zeit das Mittel der Wahl sein, um mit dem Team zu kommunizieren, das Team zu begleiten. Viele Agile Coaches oder Scrum Master sind das nicht gewohnt und fragen sich: „Kann man ein Team remote begleiten?“ Ja, kann man. Ich werde aber nicht darauf eingehen, wie das am besten funktioniert – dazu gibt es aktuell genügend Material auf diversen Blogs. Wenn du gar nicht weiter weißt, ist der erste Schritt immer das Team zu fragen, was es braucht. 

Viel wichtiger ist für mich die Frage: Was kann ich tun, um dem Team aktuell psychologische Sicherheit zu vermitteln?

Führe viele, sehr viele Einzelgespräche. Ja, Prozesse sind wichtig und sie sollten weiter Bestandteil der agilen Optimierung sein. Vor allem, wenn im Remote-Setup vieles neu definiert werden muss. Aber: Menschen mit Sorgen, Ängsten oder Unsicherheit können nichts leisten. Sie werden mit Ihrem Kopf woanders sein. Also ist es deine Aufgabe als Agile Coach, hier als verlässlicher Partner da zu sein, der sich um die Sorgen und Probleme des Teams kümmert. Im Endeffekt ist das auch im normalen Setting deine Aufgabe, aber ich weiß aus der Praxis, dass dies oft ein wenig untergeht und Methoden, Prozesse, Rituale im Vordergrund stehen.

Die Chance erkennen

Daher ist diese Zeit auch eine Chance. Entweder, um sich diese Kompetenz zu erarbeiten, wieder zu entdecken, oder – wenn sie bei dir zum Standard gehört – aufrechtzuerhalten.

Um dir aber noch konkreteres an die Hand zu geben: Alle anderen Punkte die oben genannt wurden (1-10) gelten auch für Servant Leaders! Sei da für die Menschen, das ist das Beste, was du tun kannst.

P. S.: Unsere Natalie gibt spannende Tipps wie man sich für das Homeoffice fit hält: Stay at home, stay healthy, stay happy.

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