Retrospektive – The Hero’s Journey

 

A hero ventures forth from the world of common day into a region of supernatural wonder: fabulous forces are there encountered and a decisive victory is won: the hero comes back from this mysterious adventure with the power to bestow boons on his fellow man.
– „A hero with a Thousand Faces“ (Joseph Campell)

Als Team bestreiten wir jeden Tag spannende und herausfordernde Abenteuer und Projekte. Um stetig aus den Abenteuern, die wir schon überstanden haben, zu lernen, reflektieren wir sie in Retrospektiven. Was würde sich besser anbieten als das Motiv der Heldenreise zu verwenden, um die vergangenen Herausforderungen zu reflektieren und Aktionen und Learnings abzuleiten?

Das Retrospektiven-Format Heroes JourneyDie Heldenreise sind in Literatur und Film die Taten eines Helden, sie folgen einem typischen Schema und einer meist ähnlichen Situationsabfolge. Jedes unserer Projekte ist auch eine Reise – eine Reise als Team mit seinen Mitgliedern als Helden. Gemeinsam kombinieren und setzen wir unsere Superkräfte ein, um gemeinsam Erfolge zu feiern.

Dieses Retrospektivenformat greift das Bild der Heldenreise auf, um ein gemeinsames Bild auf die vergangenen Abenteuer zu erhalten und sich als Team für neue Abenteuer zu wappnen.

Benötigtes Material

SAP Scenes

  • Flipchart mit der „Hero’s Journey“ in groß
  • Hero’s Journey je Teilnehmer als Ausdruck / Skizze
  • Figuren (Helden) – z. B. SAP Scenes
  • Je Teilnehmer drei Sprechblasen (Sprechen, Denken, Schreien) – z. B. SAP Scenes
  • Post-its
  • Stifte

1. Set the stage (Check-in)

Wir als Team erleben viele gemeinsame Abenteuer. Das was ein Team stark und besonders macht sind die einzelnen Charaktere und deren Eigenschaften, Kräfte und Schwächen.

Bevor das Team die eigentliche Aufgabe und das Motto der Retro näher erläutert bekommt, soll sich jedes Teammitglied einen Charakter für die heutige Retro zu wählen. Dieser Charakter soll die jeweilige Person und ihre aktuelle Gefühlswelt repräsentieren.

Danach soll jedes Teammitglied die folgenden Fragen für seinen „Helden“ beantworten:

  • Wer bin ich und was macht mich aus? (Name des Charakters und eine besondere Eigenschaft, Stärke oder auch Schwäche)
  • Wie geht es mir heute?
    • Was bewegt mich?
    • Was bedrückt mich?

Hintergrund

Gerade in lang bestehenden und eingespielten Teams verschwinden die individuellen Eigenschaften der Mitglieder gerne in der Gesamtheit „Team“. Die Idee beim Check-In ist es, sich bewusst auf die eigenen Eigenschaften, Fähigkeiten und auch Schwächen zu besinnen und sie auf einen Charakter zu projizieren.

Diese Projektion lässt auch eine offenere Kommunikation zu, da Probleme und Aussagen über den gewählten Charakter transportiert werden können und nicht das eigene Selbstbilde oder -verständnis belasten. Das kann besonders introvertierten Menschen helfen, sich zu öffnen und Themen anzusprechen, denn das eigene Image kann bewahrt und es können Themen angesprochen werden, die dieses Image „beschädigen“ könnten.

Literaturhinweis: Interaktionsrituale: Über Verhalten in direkter Kommunikation, Erving Goffmann

2. Gather Data

Gemeinsam haben unsere Helden ein großes Abenteuer erlebt und gemeistert. Doch jeder unserer Helden hat eine eigene Geschichte zu erzählen: Jeder von uns musste Hindernisse überwinden, Aufgaben lösen und seine individuellen Kräfte einsetzen. Dadurch haben wir alle viel gelernt, jeder für sich und gemeinsam mit anderen Mitstreitern. Erzählt die Geschichte eures Helden.

Es ist an der Zeit, das Geheimnis des „Hero’s Journey“ und seinen einzelnen Elementen zu lüften. Hierbei hilft dieses knapp zweiminütige Video:

Jedes Teammitglied bekommt einen Ausdruck der „Hero’s Journey“ und drei verschiedene Sprechblasen. Nun hat jedes Teammitglied eine Timebox von 15 Minuten, um sich die Geschichte seines Helden zu überlegen.

  • Sprechblase: Was will der Held nach seiner Reise unbedingt sagen?
  • Gedankenblase: Welche Idee hatte der Held auf seiner Reise? Von welchen Dingen hat er sich gedacht, dass man sie unbedingt mal ausprobieren sollte?
  • Schreiblase: Was hat den Helden auf seiner Reise wütend gemacht und verärgert?

Nun sind die Teammitglieder gefragt: Erzähle die Geschichte deines Helden während unseres gemeinsamen Abenteuers.

  • Welche Herausforderungen gab es und wie wurden diese gemeistert?
  • Welcher Begleiter und Gegner sind dem Helden auf dem Weg begegnet?
  • Welche Misserfolge hat der Held erlebt?
  • Welche neuen Fähigkeiten wurden erlernt?

Während die Teammitglieder die Geschichte ihres Helden erzählen, sammelt der Moderator die folgenden Punkte auf Post-its:

  • Challenges und Lösungen
  • Begleiter
  • Treasures (Erfolge, Learnings)

Im Anschluss werden die Helden mit ihren jeweiligen Aussagen, Gedanken und Schreien an ein Flipchart geklebt. Der Moderator ergänzt die gesammelten Challenges, Begleiter und Treasures.

Hintergrund

… oder: Warum Geschichten erzählen eine gute Idee ist. „Wir probieren Geschichten, wie man Kleider anprobiert“ hat Max Frisch festgestellt. Der sogenannte „Story Bias“ ist tief in uns allen verankert. Zusammenhänge müssen für den Menschen Sinn ergeben und deswegen reichern wir sie so lange an, bis die „Geschichte“ für uns Sinn ergibt.

Wie man bei dieser Übung merken wird, haben wir als Team alle das vermeintlich selbe Abenteuer erlebt – aber jede Geschichte der einzelnen Helden wird ihre eigenen Facetten und abweichende Wahrnehmungen haben. Jeder Mensch hat seine eigenen Beobachtungen und interpretiert sie individuell, um sie zu einer Geschichte zu verknüpfen.

Geschichten sind das, was in Erinnerung bleibt, weil sie sinnhhaft und emotional sind. Doch auch dem „Hindsight Bias“ (Rückschaufehler) werden wir in unseren Geschichten begegnen: Im Rückblick wirken Dinge immer ganz klar und so als hätte man das „ja schon immer gesagt oder geahnt“ – dieser Irrglaube ist nichts anderes als ein menschlicher Denkfehler. In Wirklichkeit sind wir ganz schlechte Prognostiker, wir wissen es nur nicht.

Das Erzählen der jeweiligen Heldengeschichte verfolgt diese Ziele:

  • Die Emotionen und Wahrnehmung der einzelnen Teammitglieder kennenlernen und verstehen
  • Die Teammitglieder reflektieren während der Ausarbeitung das Projekt bzw. Abenteuer und findet dabei vergessene Herausforderungen, Begleiter, Gegner – und vor allem Schätze
  • Es gibt dem Einzelnen Raum, seine eigene Sicht darzulegen und sich dem Team zu öffnen (Projektion über den Helden)
  • Geschichten haben (meistens) ein Happy End

Interessant, besonders in komplexen Umgebungen wie agilen Projekten, ist, dass die Heldenreise den Held von der Ordnung durch das Chaos zurück in die Ordnung führt. Diese Betrachtung kann man auch als Moderator bei den einzelnen Hindernissen und Challenges der Reise einfließen lassen.

Von der Ordnung durch das Chaos zurück in die Ordnung

Literaturhinweis: Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, Rolf Dobelli

3. Generate Insights

Wow, wir haben alle gemeinsam viel erlebt und jeder hat unser Abenteuer anders wahrgenommen. Wir sind treuen Begleitern und starke Gegnern auf unserer Reise begegnet. Das wichtigste sind jedoch die Treasures, die wir entdeckt und gehoben haben, gerade weil wir viele Hindernisse überwinden mussten. Diese sind der Lohn für unserer Arbeit der letzten Wochen und diese sollten wir uns bewahren.

In diesem Schritt soll erst ein Blick auf die Erfolge und Ergebnisse geworfen werden:

  • Sprechen über die „treuen“ Begleiter
  • Sprechen über die Gegner und wie sie „besiegt“ wurden
  • Sprechen über die „Treasures“

Der nächste Schritt betrachtet die mitgebrachten Aussagen (Sprechblasen) der einzelnen Charaktere.

  • Die Aussagen, Ideen und Schreie sammeln, clustern und ggf. voten
  • Timebox je zehn Minuten, um die Top-drei-Themen zu bearbeiten
  • Action Items (actionable) ableiten

4. Decide What To Do

Um für die nächste Reise gerüstet zu sein, müssen sich unsere Helden vorbereiten. Dafür sollte jeder Held seine Stärken einsetzen, um die Gruppe für die Zukunft zu rüsten. Gemeinsam sind wir stark – aber nur wenn wir unsere Superkräfte kombinieren.

Die Gruppe entscheidet, welches „Action Item“ zu welchem Helden passt:

  • Je Held ein bis zwei Action Items
  • Der Held wird mit dem Action Item an das Sprint Board gehängt

5. Closing

Es liegen noch viele Reisen vor uns – was hat euer Held vor, auf der nächsten Reise anders machen?

Zum Checkout und Closing sollen die Teilnehmer die folgenden Fragen beantworten:

  • Was wird der Held bei seinem nächsten Abenteuer anders machen?
  • Was macht euer Held jetzt als erstes nach der Retro?

Ihr habt Fragen oder Feedback zu diesem Retrospektivenformat? Dann meldet euch bei mir!

Hinweis

Die Idee der Retrospektive ist angelehnt und entliehen von „Hero’s Journey“ von Fun Retrospectives.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Agile und verschlagwortet mit , , von Steffen Hartmann. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Steffen Hartmann

Steffen Hartmann betreut als Product Owner (Scrum/CSPO-zertifiziert) gemeinsam mit seinem agilen Team anspruchsvolle Kundenprojekte für die Mayflower GmbH. Seine über zehn Jahre bereits auf Kundenseite gereifte Erfahrung fließt heute in die Entwicklung und Ausgestaltung großer E-Commerce-Environments – dazu steht Steffen nicht nur intern, sondern auch auf Konferenzen und Workshops als Speaker und Trainer zur Verfügung und setzt seine individuellen Schwerpunkte auf die Themen User Experience, Mobile und Teamkommunikation.

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5 Gedanken zu “Retrospektive – The Hero’s Journey

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