SoCraTes 2022 – ein Konferenzbericht

Die SoCraTes (Software Craft and Testing) ist eine mehrtägige Unconference, die sich nicht nur auf Technik versteift, sondern auch einen harten Fokus auf die menschliche Seite der Softwareentwicklung behält.

In diesem Post erzähle ich euch, was ich für mich mitgenommen habe.

Die richtigen Leute

„Wer immer zur Session kommt, sind die richtigen Leute“, ist eines der Grundprinzipien einer Unconference – und SoCraTes hat die richtigen Leute. Mehr als zweihundert Teilnehmer waren vor Ort und nicht alle von Ihnen Entwickler. Agilisten, Projektmanager, dedizierte Tester, Technical Coaches und Hobbyisten mischten sich mit ein und bildeten den fruchtbaren Boden für viele, viele lehrreiche Gespräche. Es waren Seniors und Juniors vor Ort, Promis und Leute, die einfach nur diese verrückte Idee haben, zu der sie mal Feedback suchten.

Was sie verbindet sind die Werte der Konferenz: Inklusivität, Menschlichkeit und – vor allem anderen – ein sicherer Ort zu sein, an dem sich Leute wohlfühlen. Jedes Gespräch, das ich geführt habe, war von Empathie geprägt. Jede Frage die ich stellte, stand fest auf einem Rahmen aus emotionaler Sicherheit. All das machte es leicht, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und nicht zuletzt die allgegenwärtigen Kudokarten (auch fester Bestandteil der Mayflower-Kultur – ganz nebenbei) führten zu einer Atmosphäre der Dankbarkeit.

FOMO – Die Gameshow

FOMO (Fear of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen) ist das vorherrschende Gefühl, wenn man sich den Zeitplan angesehen hat. Der Tag hatte fünf Slots von jeweils einer Stunde, für den jeweils mehr als zehn Session, manchmal sogar bis zu vierzehn, angeboten wurden. Möchte ich über mehrere Stunden die verschiedenen Schulen von TDD kennenlernen (Chicago, London, Hamburg, St.Pauli, …)? Möchte ich mich mit Diversität in Agilität beschäftigen? Eine Rollenspiel-Engine als Kata in Clojure bauen? Mich mit den Eigenschaften guter Recruitingprozesse beschäftigen? Will ich mit Elixir einsteigen, ein Konversations-Dojo besuchen, die Lernkultur an meinem Arbeitsplatz verbessern, Erfahrungen von nichtbinären Personen anhören?

Auch ich war mit einer Session am Start – Knowledge Management for Software Engineers. Ich drohe an dieser Stelle schon mal einen Blogpost an; habe mich aber angesichts einer Tsunamiwelle aus hochqualitativem Content erschrocken zurückgehalten.

Der Schüler wird zum Lehrer wird zum Lehrer wird zum Schüler

Nur weil man Folien dabei hat, heißt nicht, dass man die Person im Raum ist, die sich am besten mit einem Thema auskennt. Mehr als eine Session hat sich komplett gedreht, als sich „jemand aus dem Publikum“ zu Wort gemeldet hat. Und genau so soll es auch sein. Alle Teilnehmenden waren bereit zu lernen und sprachen gleichzeitig begeistert über die Themen, die sie interessierten. „Bereite Dich darauf vor überrascht zu werden,“ ist eines der Leitprinzipien. „Was immer passiert, ist das Einzige, was hätte passieren können,“ ist ein Weiteres.

Was nicht heißen soll, dass die Vorträge nicht alleroberste Schublade waren. Wieder und wieder wurde ich davon überrascht, wie gut vorbereitet die Session-Hosts waren. Vorträge waren technisch zu Ende gedacht und wurden mit viel Humor und einer Klarheit gehalten, die auf vielen anderen Konferenzen ihresgleichen sucht.

Architekten einer besseren Welt

Wie sollten Menschen miteinander umgehen? Die gesamte Konferenz fühlte sich an wie eine Version der Welt, die existieren könnte. Viele kleine und großen Bräuche helfen Menschen, besser miteinander umzugehen. Es fängt schon alleine mit den Namensschildern an: Nimm das Namensschild ab, wenn Du zu introvertiert bist, um gerade mit Leuten zu reden. Ein roter Klebestreifen bedeutet, dass man nicht fotografiert werden möchte. Die Namensschilder sind magnetisch und halten die kreativ gestaltbaren Anstecker, auf denen Leute ihre Pronomen verkünden – gerne mit viel künstlerischem Flair.

Die Leute werden angehalten, sich in „Pacman-Formation“ zu Geprächen hinzustellen, um es anderen zu erleichtern, sich dazuzustellen. Nicht zuletzt die Sessions an sich, aber auch die zahlreichen Kennenlernspiele … „Ich lade euch ein, mit euren Sitznachbarn 3er-Gruppen zu bilden und euch zu erzählen, was heute euer schönster Moment war!“ – sorgen dafür, dass sich die Teilnehmenden auf immer neue Art und in immer neuen Konstellationen vernetzen.

Über allem steht der Code of Conduct, eine Sammlung von ziemlich intuitiver Regeln: respektvoller Umgang, Leuten eine Chance geben, freundlich und geduldig sein. Auch etwas, das – vielleicht gerade durch den sozialen Vertrag, den die Teilnehmenden untereinander schließen – den SoCraTes-Geist erzeugt und in immer neue Höhen treibt.

Anderswo wirksam werden

„Wie können wir das, was wir hier tun, anderswo wirksam werden lassen?”, wurde während des World Cafés, dem großen Einstiegsevent in die Konferenz, gefragt. Meine Kollegen hier werden das hoffentlich nicht als unterschwellige Drohung verstehen. … 

Ich komme nach Hause mit dem Kopf voller Ideen und dem Körper voller Energie (nach einer gehörigen Tüte Schlaf). Ich habe eine neue Richtung für mich selbst gefunden, neue Bekanntschaften geschlossen, die über die Jahre Freundschaften werden könnten, und alte Freunde wiedergesehen, ganz live und in 3D. Es war meine zweite SoCraTes und jedesmal spendetete sie mir mehr Kraft als so mancher Urlaub.

PS: Kinder sind willkommen

Mein Dreijähriger durfte lachend über eine professionelle Konferenz laufen … und er war nicht das einzige Kind. Und es war auch nicht seine erste SoCraTes (bei seiner ersten war er drei Monate alt, Entwicklerkarrieren beginnen inzwischen echt früh). Wieder hatten wir ein Familienzimmer. Beim letzten Mal wurden wir von mehreren Stellen gefragt ob alles geklappt hat, ob es irgendetwas gibt, dass wir uns hier mehr willkommen fühlen können. SoCraTes mag es, Inklusivität mit immer neuen Gruppen zu testen – und Eltern sind keine Ausnahme. Fast unnötig zu sagen, dass man uns mit viel Geduld, Wohlwollen und Wärme begegnet ist und wir uns sehr willkommen gefühlt haben.

Ein bißchen Eigennutz, dass ich das hier verkünde. Wenn wir genug Kinder zusammen bekommen, wird es mit Sicherheit mal eigene Sessions für sie geben.

(Und einen ganz lieben Dank an meine Frau möchte ich an dieser Stelle auch noch aussprechen!)

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