Virtuosity – anders lernen mit System

„Organisations learn only through individuals who learn. Individual learning does not guarantee organisational learning. But without it no organisational learning occurs.“
(Peter M. Senge, The Fifth Discipline)

Unser Hirn ist ein komplexes und sensibles Organ, das unter besten Voraussetzungen außergewöhnliches Leisten kann, unter schlechten störrisch und verschlossen bleibt. Lernen wird als Kopfleistung betrachtet, obgleich weitere Faktoren wie körperliche Zufriedenheit – leicht erreicht durch Essen, Licht, frische Luft und bequemes Sitzen – ebenso entscheiden über Erfolg und Misserfolg. „Creating High Performance in Learning Communities“ – so ist das eBook von Diane und Willem Larsen, dem ich hier weitestgehend folge, untertitelt und es beschreibt das Lernen als freudigen Weg zu nichts weniger als Meisterschaft.

Schule über Bord

Lernen als natürliches System im Gegensatz zu institutionellem Lernen, das heißt erstmal alles über Bord werfen, was institutionelles Lernen lehrt. Dazu zählt, extrinsische Motivation wie Noten und Abschlüsse gegen die innere Zufriedenheit und die Freude an den eigenen, gewachsenen Fähigkeiten zu tauschen. Das Lernen von erfahrenen Anwendern in spielerischer, praxisnaher Interaktion ist dem Lernen nach standardisiertem Curriculum vorzuziehen. Von linearer Zeitplanung und starren Inhalten, die langweilen oder überfordern, gilt es sich zu entfernen, hin zu einem Lernen in einer inspirierenden Umgebung, nach Regeln, die der Gruppe und dem Lernstoff angemessen sind, in geeigneten Häppchen, die in aufbauender und ineinandergreifender Komplexität zur Beherrschung eines Stoffes führen.

Was kann ich

Um die eigenen Fähigkeiten zu ermessen und ein Ziel abzustecken, können verschiedene Modelle wie z.B. Shu-Ha-Ri und ACTFL, das Conscious Competence  oder das Dreyfus Model verwendet werden. Die beiden folgenden Modelle sollen zwei Ansätze zeigen, um Wissen zu kategorisieren. Sie helfen, den aktuellen Stand zu ermitten und ein Lernziel zu definieren. Sie sagen aber nichts darüber aus, WIE man sein Wissen erweitert.

Dreyfus Model

Novice Rigid adherence to rules or plans, without context
Advanced Limited contextual perception
Competent Mental framework, deliberate planning, formulating routines
Proficient Intuitively guided decisions, developing new rules to guide plans
Expert Intuitive grasp of situations based on deep understanding

Das Concious Competence Model verdeutlicht sehr schön, wie mit jedem Gewinn an Kompetenz auch die Wahrnehmung des Nichtwissens in neuer Perspektive erscheint, das Lernen also nie an ein Ziel kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer Häppchenweise

Wie kommt man nun schnell zu neuem Wissen? Nach Larsen legen fünf Grundregeln ein Fundament dazu, wobei Aliveness – Lebendigkeit – wiederum der Grundstein für alle Grundregeln ist.

Foster ALIVENESS
Pursue FLUENCY over Knowledge
Increase SIGNAL STRENGTH to Initiate Action
NARROW SCOPE to Increase Proficiency
Design Your ENVIRONMENT

Der Antrieb zum Lernen kann sich aus verschiedenen Ursachen nähren: Termindruck, Motivation, Neugierde, Verantwortungsbewusstsein, aber auch Druck oder Angst. Sie generieren Im Positiven wie Negativen eine Lebensenergie, die Grundvoraussetzung für ein aufmerksames und schnelles Lernen sind.
Der Erfolg liegt auch darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem man lernen, sich mit aller Lebensenergie auf das Lernen einlassen kann. Es gilt, empfangsbereit zu sein, mit der notwendigen Aufmerksamkeit an der richtigen Stelle einzusteigen und neues Wissen in lerngerechten und gut verdaulichen Häppchen zu sich zu nehmen. Die Signalstärke soll hoch sein und ergibt sich aus der Reduktion von Rauschen (alle Ablenkungen) und der größtmöglichen aktiven Darstellung des Lerngegenstandes.
Alle Hindernisse sollen beiseite geräumt werden, Hinweise auf Schwierigkeiten, Fallstricke und Sonderfälle werden ausgeblendet, da sie ablenken und demotivieren (sie werden aber nicht verdängt, sondern, wo nötig, identifiziert und schnell beseitigt). Ein LernFLUSS (verstanden als Gegenteil von Anstrengung) soll entstehen, der Wissen stufenweise aufbaut und in immer höhere Regionen des Vermögens treibt. Auf diese Weise wird sich auch das Verständnis des Erreichbaren kontinuierlich auf ein höheres Maß steigern. Neues Wissen muss eingebettet sein in bereits Bekanntem. Fällt der nächste Schritt schwer, geht man Schritte zurück oder an den Anfang.

Mit Fokus und Energie im Fluss bleiben

Hat man ein Lernziel und einen Lernweg absteckt, stellt man mit Energie den Fokus auf ein sinnvolles, initiales Lernhäppchen ein. Aus dem Erfolg wird die Energie für das nächste Häppchen erzielt, dann wieder fokussiert usf. Wird dieser Kreislauf gestört, muss der Fokus neu justiert, auf ein beherrschbares Maß reduziert werden. Um Langeweile oder Überforderung vorzubeugen, muss die Anforderung rechtzeitig erhöht oder erniedrigt werden (Signalstärke). Der Lernprozess soll sich von Schritt zu Schritt leicht anfühlen, der Lernende soll das Aufsteigen in Stoff und Komplexität als fließend empfinden. In jedem Moment den nächsten Schritt sicher zu erkennen, so soll es sich anfühlen. Im Fluss zu sein, ist wichtiger als das Wissen selbst. Wie sich Fokus und Energie gegenseitig beeinflussen, illustriert die folgende Graphik. Sie bezieht das weiter unten besprochene Feedback und die durch Erfolg, Spiel oder Aufmunterung gewonnene Energie schon mit ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

The wheel of coherent learning nach Larsen

Der rechte Zeitpunkt

Für das beschleunigte Lernen ist nicht nur eine Zeiteinteilung in Form eines Stundenplanes notwending, sondern auch ein Verständnis über die unterschiedliche Qualität von Zeit.
Eine Lineare Zeiteinteilung in Aufgaben und Stundenpläne wird dem „Timing“ – der Wahl des richtigen Zeitpunktes nicht gerecht, es gilt beide zu vermählen. Zeit hat verschiedene Ebenen, die sich mit fortschreitendem Alter und wachsender Erfahrung sowie Übung ausdifferenzieren. Wieder beginnt man mit dem Verständnis und der Zeiteinteilung, bei der man im FLUSS ist und schraubt sich langsam hoch. Die Ebenen der Zeit sind:

Linear: Einteilung nach Stunden und Minuten auf einem Stundenplan mit Pausen
Rhythmisch: Einbeziehung wiederkehrender (biologischer) Faktoren wie Jahreszeit, Essenszeiten, Bewegung, Energiegewinnung und Entspannung. Zum Beispiel: Freitags, Mittags, Zwischen den Projekten, im Herbst.
Angereichtert : Wenn lineare und rhythmische Zeit berrscht werden, geht man zu einer freieren Einteilen über, man lässt sich leiten von den Momenten, die Lernfluss, Lebendigkeit und ein produktives Wechselspiel von Energie und Fokus versprechen. Die Orientierung hängt mehr an den inneren, als an den äußeren Bedingungen.
Ekstatisch: ein nicht mehr kontrollierbarer oder planbarer Zustand, aus dem Kreativität und Innovation entstehen kann.
Spiralenförmig: Beinhaltet die vorgenannten Ebenen. Der Lernstoff wird mit neuem Blick wieder und wieder durchlaufen. In einer eingeübten Gemeinschaft können beständig neue Schüler integriert und mit nach oben gezogen werden. Wissen wird ohne Umschweife in Richtung Komplexität und Meisterschaft getrieben.

Lernen in der Gruppe

Lernt man nicht alleine, sondern vorzugsweise im Pair, in der Gruppe oder im Team, ergeben sich zahlreiche Varianten und Interaktion zwischen den Lernenden oder dem Lehrer und den Lernenden. Wird in der Gruppe gelernt, muss regelmäßig ein Feedback eingeholt werden, um den Lernfluss aller Beteiligter einzuschätzen und aufrecht zu erhalten. Pausen, Spiele und das fortwährende Anpassen der Lernhäppchen soll die Aufmerksamkeit und den Lernerfolg kontinuierlich hochhalten. Hier ist alles erlaubt, was die Lernsituation beflügelt: Lachen, Bequemlichkeit, Gemeinschaftsgefühl.
Die Lernenden bestimmen das Tempo, sagen, wenn sie „voll“ sind, aus dem Fluss kommen oder die Geschwindigkeit verlangsamt, bzw. beschleunigt werden soll.

Austausch unter Ebenbürtigen

Das Wissen soll von wechselnden, erfahrenen Lehrern, in der Gruppe und in der Praxis erworben werden. Es soll nicht erst ein breites Fundament gelegt werden, sondern so schnell fortgeschritten werden, dass komplexe Themen erreicht werden. Fehlendes Grundwissen wird erst bei Bedarf nachgezogen. Sinngemäßes Zitat aus dem eBook: Wer ein Fahrrad reparieren möchte, lernt nicht erst alle Einzelteile auswendig.
Die erworbenen Fähigkeiten sollen von einem Lernenden zum nächsten überspringen. Das Wissen wird in einer Erfahrungsgemeinschaft einander Ebenbürtiger als komplementäres Wissen gesammeln, getauscht und somit erweitern. Der Lehrer ist mehr Initiator, der die Gruppe so lange unterstützt, bis sie eigenständig Wissen aufbaut, neue Ziele erfasst und in angemessenen Lernhäppchen fortschreitet. Erziehung heißt in diesem Kontext, der perfekte Gastgeber für eine Grupe von Lernenden zu sein.

Regeln folgen

Lernen in der Gruppe sollte gemeinsam aufgestellten Regeln folgen, die der Gruppe helfen, die genannten Schritte zu befolgen. Regeln dürfen auch gebrochen werden, wenn es hilft, Aufmerksamkeit und Lernfluss wieder zu gewinnen oder zu erhöhen. Im Allgemeinen sollten sie aber nicht geändert werden, bevor das gesetzte Ziel erreicht wurde.  Schnelles Lernen ist empirisch, es erfordert eine ständige, aber regelgetragene Anpassung an die Realität.

Energie gewinnen

Routinierte Lehrer haben auch die Bedürfnisse der Schüler im Blick und versuchen neben den physiologischen und sozialen auch die Individualbedürfnisse zu bedienen, weil durch Befriedigung ein hochwertiger Stimulus für den lebendigen Lernfluss erreicht werden kann.
Die Autoren Diane und Willem Larsen geben viele praktische Anleitungen für das Lernen, das Lernen in der Gruppe, den Umgang mit Standard- und Ausnahmesituationen.

Viel Spaß beim Lernen!

Quellen:

  • Diane und Willem Larsen, Virtuosity, Creating High Performance in Learning Communities, http://leanpub.com/virtuosity
  • Peter M. Senge, The Fifth Discipline, New York 2006

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